Mit Bruno durchs Périgord

Von Martin Ellerich, Westfälische Nachrichten, Samstag, 21.04.2018, 06:04 Uhr

Seine 1000 Wörter hat Martin Walker heute schon geschrieben. Das Tagespensum in der Schreibstube – dem einstigen Tauben-Türmchen auf seinem Hof in Le Bugue sur Vézère – ist erledigt. Entspannt sitzt der Krimiautor im kleinen Restaurant der Gärten von Eyrignac – so entspannt, wie das bei einem Mann möglich ist, aus dem die Begeisterung für das Périgord und dessen Menschen sprudelt. 

Eine Szene wie aus einem „Bruno“-Roman:Martin Walker (links) mit Käsehändler Stéphane auf dem Markt von Le Bugue sur Vézère. Martin Ellerich Der Bestseller-Autorvor seiner Schreibstube Ellerich

Walker blickt hinaus in den Regen, der auf die seit Jahrzehnten mit der Hand in strenge Form geschnittenen Hecken nieselt. Und er lauscht Capucine Sermadiras, die von ihren „pique-niques blancs“ berichtet: Jeden Montag im Sommer verwandelt sich ihr herrlicher Park in eine riesige Picknickfläche. Hunderte ganz in weiß gekleidete Besucher schlemmen und schlendern, lachen und tanzen auf dem Rasen. Bis gegen 23 Uhr. „Alle brechen auf, der Rasen leert sich – nur einer bleibt liegen“, spinnt Walker den Faden weiter. Der Anfang für einen neuen Roman? Ein neuer Fall für Bruno Courrèges, „Chef de Police“?

Mit Martin Walker durch das Périgord

Malerische Städte sind an den Ufern der Dordogne zu sehen. Foto: Martin Ellerich

„Ich bin zwar ein Krimiautor, aber ich bin nicht so sehr an Kriminalität interessiert. Was mich interessiert, sind das Périgord und seine Geschichte“, sagt Walker, dessen zehnter Roman um den liebenswerten Dorfpolizisten und Gourmet Bruno unter dem Titel „Revanche“ nächste Woche auf Deutsch erscheint. Und: Es mangele ihm an Imagination, er könne nur über das schreiben, was er kenne.

Tatsächlich könnte man Walkers Bücher als Reiseführer für das Périgord nutzen – fast: Käsehändler Stéphane, im Buch ein Freund Brunos, in der Realität einer des Autors, steht wirklich auf dem Markt. Stéphanes „Tomme d‘Audrix“ schmeckt so hervorragend, wie es Walker beschreibt – nur heißt das Dorf nicht wie in den Büchern St. Denis, sondern eben Le Bugue. Und die Bäckerei mit den leckeren Croissants firmiert unter „Cauet“ statt „Fauquet“.

Das Städtchen Sarlat lockt mit vielen historischen Gebäuden und mit viel Atmosphäre. Foto: Martin Ellerich

Wer Walker über den Markt laufen sieht – voller Elan, aber mit genug Zeit, hier und dort Bekannte mit „Bises“ (Küsschen) zu grüßen – dem kommt sogleich der im Dorf verwurzelte Bruno in den Sinn. Walkers Weinhändler vor der Stadt bietet – wie der von Bruno – tatsächlich in seiner großen Halle 5000 verschiedene Weine an. „Von zwei Euro den Liter bis zur Flasche für 4500 Euro“, ruft Walker und lotst seine Besucher vom Tank mit dem losen Alltags-Wein bis zum Regal mit Château Pétrus. Nur einen Wein hat Walker seiner Figur voraus. Stolz zeigt er die Flasche: „Bruno, Bergerac 2014“ steht auf dem Etikett, daneben ein Basset mit Polizeimütze – „Balzac“, Brunos treuer Gefährte. Die meisten Flaschen des auf dem Château de la Jaubertie von Walkers Freund Hugh Ryman entstandenen Weins sind bereits verkauft – für Events bei Buchvorstellungen in Deutschland.

Walker ruft nach Gläsern, schenkt ein. Ist der Wein wie Bruno? „Es ist ein ehrlicher Wein, nicht schick, ehrlich!“, sagt Walker. „Passt gut zu Wild, zu Käse . . .“ Und zum bodenständigen Bruno.

Das Manoir d'Eyrignac ist für seine Gärten berühmt. Foto: Martin Ellerich

Ortswechsel: „Macron“ kräht, die schwarze Henne „Theresa May“ scharrt. „,Sarkozy‘ lebt auf dem Altenteil“, sagt Walker und weist auf die andere Seite des Hofes. Das Gemüsebeet ist säuberlich bestellt. Es könnte der Garten des Feinschmeckers Bruno sein, es ist der des Autors. Seit gut zwanzig Jahren lebt der Schotte im Périgord – seit er es über einen französischen Freund und Journalisten-Kollegen entdeckte. Aus Ruinen habe er den Hof wieder aufgebaut, sagt Walker, während er zum „Apéro“ bittet. Im Glas: Rosé von einem seiner Lieblingsweingüter „La Veille Bergerie“ bei Bergerac, dazu gibt es Baguette mit Käse – natürlich von Stéphane. Walker verschwindet, taucht eine Minute später mit einem Basset an der Leine auf. Der Name ist – natürlich – „Balzac“.

Weiter auf Brunos Spuren durchs Périgord: Im Musée national de Préhistoire in Les Eyzies-de-Tayac – einem weiteren wichtigen Schauplatz des neuen Buchs – zieht Walker seine Begleiter zu einer Vitrine. Darin: steinzeitliche Statuetten, fein gearbeitete Tierfiguren, Rinder . . . „Ich weigere mich, unsere Vorfahren primitiv zu nennen“, entfährt es ihm. Menschen, die solche Kunstwerke schüfen, seien alles andere als primitiv.

Unten prähistorische Höhlen, oben eine mittelalterliche Burg. Rund um Schloss Commarque finden sich Siedlungsspuren aus Jahrtausenden. Foto: Martin Ellerich

Noch deutlicher wird das beim Blick auf die Höhlenmalereien von Lascaux. Die „Sixtinische Kapelle der Frühzeit“ liegt nur wenige Kilometer entfernt. „Wir haben nichts Neues entwickelt“, soll Picasso nach dem Besuch der – seit 1963 aus konservatorischen Gründen für Besucher gesperrten – Original-Höhle erklärt haben. Im großartigen neuen Nachbau Lascaux IV lassen sich die roten Stiere, die kunstvollen Hirsche, die versteckten Bären mit modernsten audiovisuellen Mitteln in allen Details entdecken. Doch auch der ältere Nachbau Lascaux II überwältigt. Weiterer Vorteil: Hier spielt eine Episode aus dem neuen „Bruno“.

Gleich die gesamte Historie der Region nimmt unter seine Füße, wer Walker zum Ausgangspunkt der neuen Bruno-Geschichte folgt: „Ein überwucherter Hügel, aus dem oben einige Ruinen herausschauten“, mehr sei Schloss Commarque nicht gewesen, als er den einstigen Sitz seiner Familie vor 50 Jahren zurückkaufte, sagt Hubert de Commarque. Seit 20 Jahren ringt er der Vegetation und dem Verfall sein Schloss Stück für Stück, Gebäude für Gebäude wieder ab. Unten finden sich unzählige Zeichen prähistorischer Besiedlung, Höhlen, oben Wehrtürme, Mauern und Schlosssäle. Kürzlich hat Commarque ein steinernes Templer-Kreuz ausgegraben. Es schmückt nun wieder die Kapelle. Kaum verwunderlich, dass der Templerorden eine große Rolle im neuen „Bruno“ spielt . . .

Buch: Am 25. April erscheint bei Diogenes der zehnte „Bruno“ auf Deutsch. Er heißt „Revanche“ und kostet 24 Euro.

Region: Trüffel, Foie Gras, Wein sowie jede Menge Kultur und Geschichte – das ist das Périgord. Die Städte Périgueux, Bergerac und vor allem das malerische Sarlat locken mit historischen Gebäuden und malerischen Märkten. Bestsellerautor Martin Walker, der seit 20 Jahren in der Region lebt, hat sich vorgenommen, alle guten Weingüter des Périgords zu besuchen, auf mehr als 100 war er schon.