Erfinder der Langsamkeit

Von Alexander R. Wenisch, Rhein-Nectar-Zeitung, 21.07.2018, 06:00 Uhr

Im Périgord ist Frankreich so, wie es das Klischee will: Mittelalterliche Örtchen, historische Höhlen, gastfreundliche Menschen, gutes Essen

Das Périgord begrüßt uns mit weit ausgebreiteten Armen. Auf einem kleinen Markt haben wir uns ein paar Snacks gekauft. Käse, Wurst, Brot. Und dann biegen wir am Fluss einfach irgendwo links ab, dahin, wo es schön aussieht. Nun sitzen wir unter schattigen Weiden, es weht ein leichter Wind, die Sonne glitzert im Wasser der forsch gluckernden Dordogne. Die Kinder bauen Staudämme, wir lassen ein paar Kieselsteine flippen. Ich bin beseelt und verliebt in diese Gegend - dabei sind wir gerade mal zwei Stunden hier. Was für ein Leben!

Schönes Örtchen am Fluss, Limeuil. Foto: Alexander R. Wenisch

Martin Walker hat uns hierhergebracht. Der schottische Autor. Also genauer gesagt seine Romane über Bruno, Chef de police in dem kleinen Örtchen Saint-Denis. So stimmungsvoll hat Walker dieses Périgord beschrieben, dass die Sehnsucht reifte, diese Gegend auch mal selbst zu erleben. Bücher sind eben doch mehr als schwarze Buchstaben zwischen zwei Pappdeckeln. Dass es dieses charmante Städtchen Saint-Denis gar nicht gibt, erfahren wir später. Aber die Enttäuschung hält sich in Grenzen. Denn Saint-Denis ist hier überall!

Verschlafene Dörfchen, in denen die Zeit stillzustehen scheint, majestätisch auf Felsen thronende Burgen, üppige, dunkle Eichenwälder und ein Fluss als Hauptschlagader. Romantischer geht’s kaum. 462 Kilometer weit schlängelt und windet sich diese Dordogne vom Zentralmassiv bei Clermont-Ferrand bis nach Bordeaux, wo sie, vereint mit der Garonne, in den Atlantik mündet. Schiffbar ist der Fluss nur am Unterlauf. Hier oben bei Vitrac und Cenac treiben im Juli und August zwar jeden Tag 4000 Kanus den Fluss hinab. Aber gemächlich. (An jedem Baggersee in der weit entfernten Heimat ist es an einem Sommertag betriebiger.) An der Dordogne dagegen scheint Entschleunigung erfunden worden zu sein. Da wird gebadet, dort Wasserball gespielt. Auf den vielen Campingplätzen entlang des Ufers wird gelacht, gegrillt, gedöst.

Spannende Märkte: Das Périgord geizt nicht mit seinen Reizen. Fotos: dpa​​

Früher ging es heftiger zu. Die Périgourdins zogen ihre Kähne über den Fluss. Harte Arbeit, die sich aber lohnte. Eichenplanken für die Küffner in Bordeaux, Kastanien, Wein. Auf dem Rückweg brachten sie Salz, Gemüse und Kolonialwaren für die Landbevölkerung mit. Die Menschen wussten das Leben schon immer zu genießen. Und auch heute sind die Tische reich gedeckt. Forellen, Hasen, Walnüsse und Kirschen, der Foie gras und Trüffel, der schwarze Diamant. In jedem Örtchen gibt es hier noch die kleinen Wochenmärkte, auf denen lokale Produzenten ihre Leckereien anbieten - und zwar nicht als Touristenkulisse. In dem mittelalterlichen Wehrdorf Beaumont-du-Périgord wird im Juli und August immer montags der Nachtmarkt veranstaltet, zu dem man sich Teller, Glas und Besteck mitbringen sollte, um sich an den Ständen durchprobieren zu können - und anschließend tanzt man bei Livemusik bis in den Morgengrauen hinein. Irgendwie ist Frankreich im Périgord so wie es das Klischee will.

Auch was die Gastfreundschaft angeht. So wie bei André und Francoise Maupin-Lesprit, bei denen wir zufällig gelandet sind. Immer montagabends laden sie die Gäste ihrer beiden Ferienhäuser (in einem charmanten, alten Schulhaus) zu sich auf die kleine Terrasse ein. Das lassen sie sich nicht nehmen. Dann fährt Madame mindestens drei Platten Canapees und Petit Fours auf. Zum Niederknien lecker. Und wenn man irgendwann bemerkt, das sei sehr reizend aber doch wirklich nicht nötig, wedelt sie nur mit der Hand: Ist doch nur eine Kleinigkeit. Während André immer wieder diesen leckeren regionalen Wein nachgießt und man (notfalls mit Händen und Füßen) über Gott und die Welt ins Plaudern kommt.

Mittelalterliche Burgen. Foto: fotolia

Und so haben wir uns auch mir nichts, dir nichts für den kommenden Vormittag verabredet. Denn André hat einen besonderen Service für seine Sommergäste: Mit seinem roten Käfer Cabrio kutschiert er uns durch seine Region, vorbei an den majestätischen Schlössern. "Castelnaud", ruft er begeistert und zeigt nach oben. Hier belauerten sich lange französische und englische Ritter; der Fluss markierte im Hundertjährigen Krieg die Frontlinie. Das Leben auf der Burg, all die Kammern und Waffen, kann man besichtigen. Dort: "Château des Milandes" ruft André gegen die laute Musik von Nina Simone im Autoradio und den Fahrtwind. Milandes wurde von der schwarzen amerikanischen Jazzsängerin und Résistance-Heldin Josephine Baker nach dem Zweiten Weltkrieg gekauft. In den 50er und 60er Jahren lebte sie hier mit ihren 12 Adoptivkindern. Und drüben am Fluss Vézère steht schließlich noch das kleine Schlösschen Domaine da la Vitrolle, damals das geheime Hauptquartier des französischen Widerstands gegen Hitler-Deutschland.

Geschichtsträchtiger Boden, dieses schwarze Périgord. Mehr noch: Die Wiege des Menschen in Europa. In den Höhlen, die der Fluss in die Felsen gewaschen hat, liegen die frühesten Beweise für eine Gemeinschaft von Menschen, die füreinander gesorgt haben. Seit Jahrtausenden ist dieser Landstrich bewohnt. Der erste anatomisch moderne Mensch kam vor 35.000 Jahren, in der Jungsteinzeit, ins Périgord. Beim Bau der Eisenbahnlinie Périgeux-Agen wurde 1868 das erste Skelett dieses Cro-Magnon-Menschen entdeckt. Dutzende solcher frühen Sied-lungen wurden seither entlang der Vézère und an der Dordogne gefunden.

Und schließlich diese Abenteuergeschichte, die sich Enid Blyton hätte ausdenken können: Weil ihnen ihr Hund entlaufen war, streunten vier Kinder 1940 durch den Wald bei Montignac. Ihr Tier fanden sie und in einer Höhle noch mehr: Stiere, Pferde, Wisente, Raubkatzen, als einzigartige Felsmalereien, vermutlich 20.000 Jahre alt. Auch darüber hat Martin Walker ein sehr lesenswertes Buch geschrieben ("Schatten an der Wand").

Prähistorische Kunst. Foto: dpa​​

Abbé Breuil, der erste Archäologe, der die Felszeichnungen sah, prägte den Begriff: "Sixtinische Kapelle der Frühzeit". Was nicht übertrieben ist. Die echten Höhlen - eine etwa 20.000 Jahre alte Kunstgalerie unserer frühen Vorfahren - waren bis 1963 geöffnet. Doch durch die Atemluft Tausender Besucher entstand ein Pilz an den Wänden, der die Malereien bedroht. Darum dürfen heute nur ein paar Wissenschaftler die Originale sehen. Für alle anderen wurde 2016 "Lascaux IV" eröffnet, der auf den Millimeter originalgetreue und über 50 Millionen Euro teure Nachbau als Museum: 680 Fresken und 1500 Gravuren auf 900 Quadratmetern Höhlenwänden. Und auch wenn man weiß, dass man hier nicht im echten "Saal der Stiere" steht, nicht die uralten Pferde sieht, die an der Decke zu galoppieren scheinen, sondern geniale Nachbildung auf Acrylharz, gleichwohl kann man sich der Faszination nicht entziehen. Die Qualität und Präzision der von den Cro-Magnon-Menschen gemalten Felsenbilder ist verblüffend. Pablo Picasso sagte, als er nach einem Besuch die Höhle verließ: "Wir haben unsere Meister gefunden. Wir haben nichts gelernt in diesen Tausenden von Jahren."

Lascaux IV ist ohne Zweifel das Highlight des Périgord. Doch Dank limitierter Tageskarten ist das Museum nie überfüllt. Man wird in Kleingruppen durch die imposanten, 235 Meter langen Höhlen-Nachbauten geführt und für Kinder gibt es interaktive Museumspädagogik auf einem Tablet. Gleich 15 Orte des Unesco-Weltkulturerbes gibt es in der Region, 50 von unseren frühen Vorfahren bemalte oder gravierte Höhlen und Grotten, von denen man wiederum 12 besichtigen darf.

Der Abschied vom Périgord fällt erwartungsgemäß schwer. Darum feiern wir ihn so, wie wir die Tage hier begonnen haben - zumindest fast. Mit einem Essen am Fluss - diesmal aber einem Abendessen im "Belle Etoile", einem der besten Restaurants der Region. Mit feiner Foie Gras, einem würzig-trockenen Weißwein, an einem lauen Sommerabend, mit tollem Blick über die Dordogne - und diesen Heißluftballons, die hier jeden Abend den Himmel bunt betupfen. Und einer kommt nun immer näher. Sinkt tiefer und tiefer. Die Kinder trauen ihren Augen nicht, spritzen auf, denn der Ballonfahrer touchiert doch tatsächlich mit der Unterseite des Korbs das spiegelglatte Wasser des Flusses. Für einen Moment füllen Korb, der rote Ballon und dessen Spiegelung den kompletten Blick von der Terrasse aus. Dann gibt der Fahrer Feuer und der Ballon steigt rasant in die Höhe, direkt über die Wipfel der Bäume am Ufer. Und uns ist klar: Im Périgord warten noch einige Abenteuer auf uns! Wir werden uns wiedersehen.

HINTERGRUND

Informationen

■ Anreise: Das Périgord liegt im Südwesten Frankreichs. Etwa 1000 Kilometer von Heidelberg entfernt. Über die A 5 nach Mühlhausen, die A 36 Richtung Besancon, die A 71 Richtung Clermont-Ferrand, die A 89 ins Périgord in Richtung Bergerac oder Périgueux. Maut: Etwa 40 Euro (einfach).

■ Wohnen: Bei Familie Maupin-Lesprit in Cenac et Saint Julien (bei Domme). Zwei hübsch ausgestattete Ferienhäuser ("La Terrasse" und "Le Clos d’Alice" für je 4 Personen) mit riesigem Garten. Ab etwa 500 Euro/Woche. Buchbar über Gîtes de France: https://de.gites-de-france.com

■ Essen: Selbstversorger, die die regionale Küche kennenlernen wollen, sollten sich auf den Wochenmärkten umsehen, die hier in jedem größeren Örtchen stattfinden. - Eines der besten Restaurants der Region ist das "Belle Etoile" direkt am Fluss in La Roque Gageac. Menüs ab 29 Euro. - Sehr stimmungsvoll und beliebt ist das Bistro "Le Déjeuner sur l’Herbe" in St Léon sur Vézère unter ausladenden Bäumen am Fluss.

■ Lascaux: Das Museum zur prähistorischen Höhle bietet Führungen auch auf Deutsch. Unbedingt frühzeitig schon von zu Hause aus buchen, da die Karten pro Tag begrenzt sind. Preise: 11 Euro (Kinder 5-12 Jahre), 17 Euro (Erwachsene). Familienpass: 62,70 Euro (inkl. Eintritt in einen nahe gelegenen Wolfspark). Kontakt: Tel.: +33 (0)5 53 50 99 10; contact@lascaux.fr; www.lascaux.fr

■ Reiseführer: Optisch sehr schön gemacht und mit tollen Tipps ist der neue Reiseführer "Dordogne/Périgord" von Manfred Görgens. 120 Seiten. Mit Regionkarte. 11,99 Euro. Dumont direkt.